Die Handtasche Kap. 6 von Karl Weber
- Ja, genau der, sagte sie ins Telefon. Ich komme um die Ecke und, hoppla, steht er vor mir. Ich habe wirklich „Hoppla“ gedacht, und er, er sagt genau das: „Hoppla“, stell Dir vor! Wie ein Echo. Ich hätte fast laut losgelacht. Ich meine, wer sagt denn noch Hoppla?
Sie stand auf und trat ans Fenster, schaute hinunter auf die nächtliche Straße. Die Straße war leer. – Nein, natürlich hatte ich keine Angst. Ein bisschen verwundert war ich. Aber der war ja selbst total perplex und eingeschüchtert. Hat ein bisschen herumgestammelt. Aber eine nette Stimme hat er … Ach, Miriam, red‘ keinen Blödsinn! Ich muss jetzt Schluss machen. Wir sehen uns übermorgen.
Die Stimme. Sie hatte sie an etwas erinnert. Oder an jemanden? Ihr Klang war angenehm, aber das Gefühl, das sie mit dieser Stimme verband, war nicht so eindeutig. Sie hatte eine unbestimmte Angst gespürt. Nicht wegen diesem Mann, nein, und es war auch etwas anderes dabei als Angst. Es musste da etwas gegeben haben. Aber was?
Nachts schreckte sie aus einem Traum auf. Sie spielte mit anderen Kindern Himmel und Hölle. Auf einem Bein hüpfte sie durch die aufgemalten Felder, als sie diese Stimme hörte. Sie musste nach Hause! Aber sie schaffte es nicht, aus dem Spielfeld herauszuhüpfen. Die Ränder waren so weit und … dann kam die Polizei.
Schon im Aufschrecken wusste sie, dass sie die Alarmanlage eines Autos hörte. Sie zählte mit: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig … Bei siebenundfünfzig verstummte das Heulen abrupt.
Vielleicht würde es helfen, noch einmal mit diesem Mann zu reden. Seine Stimme zu hören, sich an ihr entlang in die Erinnerung zu tasten. Dann würde ihr vielleicht auch klarer … was sie mit diesem Ding … in ihrer Tasche … . Sie glitt zurück in einen nun traumlosen Schlaf.
Was bisher geschah?
Ab hier finden sich die vorangegangenen Kapitel zum Nachlesen in chronologischer Reihenfolge
Die Handtasche Kap. 1 von Sofie Weber
Sein Heimweg führt durch den Park, am Seerosenteich entlang, am Monopteros vorbei, unter alten dicken Laubbäumen, deren Blätterdach nicht nur das Sonnenlicht abhält sondern auch den einsetzenden Nieselregen. Wegen des Wetters sind nicht viele Leute im Park.
Dieser Park ist ihm sehr vertraut, da er täglich mindestens zweimal durchläuft. Veränderungen jeder Art sieht er sofort, ja er spürt sie förmlich bevor er sie sieht. So auch jetzt. Sein Blick wird förmlich hingezogen zu einer Parkbank auf der niemand sitzt, aber auf der eine Handtasche steht, ganz alleine und weit und breit niemand zu sehen. Um sich blickend nähert er sich der Parkbank und setzt sich neben das Objekt.
Die Handtasche ist aus rotem Leder und sieht nicht mehr ganz neu aus. Leichte Gebrauchsspuren zeugen von häufigem oder langjährigem Gebrauch.
Wer trägt wohl so eine Tasche, fragt er sich, eine alte Frau oder eine Junge? Vielleicht gibt der Inhalt darüber Aufschluss, denkt er und öffnet die Handtasche. Darin ist ein Portemonnaie, ebenfalls aus rotem Leder, mit etwas Bargeld und etlichen Karten, Kreditkarten, EC-Karte, Personalausweis, Führerschein, Krankenkassekarte und einige Visitenkarten von Geschäften und Personen. Der Personalausweis und Führerschein gehören einer Britta Brandner, geb. 14.7.1995 in Darmstadt. Also eine junge Frau.
Nach und nach besieht er sich den Inhalt der Tasche, kramt in diesem fremden Leben nicht nur ohne Hemmungen, sondern mit wachsender Neugier.
Es findet sich ein Lippenstift der Marke Hermes in der Farbe Rot, ein kleiner Taschenspiegel, 2 Kondome, ein Blister mit Ibuprofen 400, fast aufgebraucht, nur noch 2 Pillen drin, eine kleine Haarbürste mit hellbraunen Haaren dran, ein Haustürschlüssel mit 2 Schlüsseln dran, wahrscheinlich für die Haus- und Wohnungstür, kein Autoschlüssel, eine kleine Packung Smint Pastillen zuckerfrei und ein Schwangerschaftstest ungeöffnet.
Alles Dinge die man in einer Handtasche erwarten würde, bis auf den Schwangerschaftstest.
Ist der für sie selbst oder hat sie ihn für eine Freundin gekauft, will sie gerne schwanger werden und erhofft sich ein positives Ergebnis oder befürchtet sie genau dieses und was wird sie dann tun. Hat sie einen Partner der sich über ein positives Ergebnis mit ihr freuen wird oder einen der keine Kinder will oder womöglich war es nur ein One-Night-Stand und sie kennt nicht mal seinen Namen.
Immer noch den Schwangerschaftstest in der Hand haltend erinnert er sich an Sonja, die einst auch schwanger war, geschwängert von ihm, ein Kind das er nicht wollte um keinen Preis und die er zur Abtreibung gedrängt hatte. Wie es ihr wohl geht?
Das Kind wäre heute fast 20 Jahre alt.
Heute würde er anders entscheiden, aber heute ist er auch nicht mehr 17 Jahre alt und denkt das ein Kind sein Leben versauen wird.
Ganz und gar nicht.
Heute würde er sich freuen, über ein Kind.
Er packt sie Sachen wieder in die Handtasche zurück, bis auf das Portemonnaie. Im Personalausweis steht die Adresse und er überlegt, ob er die Handtasche vorbeibringen soll, denn es ist nicht weit von hier oder ob er sie lieber ins Fundbüro bringen soll oder ob er sie hier einfach stehen lassen soll, vielleicht vermisst sie die Besitzerin schon und ist auf dem Weg hierher.
Unentschlossen bleibt er sitzen und sieht mal in die eine, dann in die andere Richtung, ob die Frau kommt.
Es dauert fast eine halbe Stunde bis sie angerannt kommt.
Verschwitzt und aus der Puste bleibt sie vor ihm stehen, schaut zuerst ihn an und dann die Handtasche und greift danach.
„Noch alles drin“ sagt er zu ihr, „ich habe aufgepasst“.
„Ich dachte mir, das sie möglicherweise zurückkommen, sonst hätte ich ihnen die Tasche vorbeigebracht.“
Noch immer atemlos, sagt sie „Vielen, vielen Dank“, nimmt ihre Handtasche und eilt davon.
Der Gedanke, ob sie schwanger ist oder nicht, beschäftigt ihn noch eine Weile.
Die Handtasche Kap. 2 von Karl Weber
Ich muss sie auf der Parkbank gelassen haben! – ihr Gesicht war noch heiß und rot und sie spürte noch immer den Schlag in den Magen, der sie getroffen hatte, als sie merkte, dass ihre Tasche fehlte. – Ich muss sie auf der Parkbank gelassen haben! – Der Gedanke half. Er war nicht gleich da. Zuerst war nur Chaos, Kollaps, Nervous Breakdown. Das Handy war ihr aus den Händen gerutscht. Und dann, als sie unter den Sitzen nach ihrem Handy fischte, fiel ihr die Parkbank ein und verschaffte ihr etwas Luft. Nun schaut sie sich um, springt auf, geht zu der freien Fläche an der Tür. Drückt das Stopp-Signal. Mehrfach. – Hoffentlich habe ich sie auf der Parkbank gelassen! Hoffentlich liegt sie noch dort! … Schnell raus aus dem Bus. – Die Anzeige an der Haltestelle gegenüber zeigt den nächsten Bus in 12 Minuten an. – Es sind nur zwei Haltestellen bis zum Eingang zum Park. Das schaff ich, trotz der blöden Schuhe. – Sie ist schon unterwegs. Bei aller Eile vorsichtig. Denn das wäre jetzt das Schlimmste: Umknicken, den Knöchel verstauchen, nicht mehr weiterkönnen. Wenn nur die Tasche noch da ist! Und keiner sie durchwühlt hat! Obwohl, das Wichtige findet keiner. Das ist gut versteckt. Der Ausweis, auch das Geld, die Gummis, haha! Auch der Schwangerschaftstest, den sie Miriam mitbringen sollte. … Können sie alles haben. Nur das eine nicht. Hoffentlich ist die Tasche noch da!
Da sitzt einer. Auf der Bank. – Aber wo ist meine Tasche? Wo ist meine Tasche! – Er schaut herüber, greift neben sich, hält ihr die Tasche entgegen: – Noch alles drin. – Mit einem kleinen Lächeln sagt er das. Sie greift die Tasche mit beiden Händen. – Vielen, vielen Dank! – Und dann noch einmal, schon im Weggehen, mit einem Blick zurück, ein leises – Danke –.
Die Handtasche Kap. 3 von Sofie Weber
Die Frau mit der Handtasche will ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen, dabei hat er mehr Zeit mit ihrer Handtasche als mit ihr selbst verbracht. Es war nur eine kurze Begegnung die mit ihrem atemlosen Danke endete, weil er auf ebendieses Handtasche aufgepasst hatte.
Schade, denkt er. Man sollte nicht in anderer Leute Handtasche herumkramen, dass schafft eine eigenartige Beziehung zu der Eigentümerin, von der diese aber überhaupt nichts weiß. Das hat schon etwas Übergriffiges, sagt er zu sich selbst, vor allem wenn diese Person dann diese Faszination auslöst, dass seine Gedanken immer noch um sie kreisen, wie ein Trabant um seinen Planeten.
Vielleicht läuft er ihr irgendwann wieder über den Weg, schließlich wohnt sie ja in der Nachbarschaft und scheint auch häufiger in oder durch den Park zu gehen. Also wäre es nicht unwahrscheinlich ihr zu begegnen, dieser Britta Brandner und er kennt ihre Adresse.
Draußen hat die Dämmerung eingesetzt. Zeit für seine abendliche Jogging-Runde.
Er dreht seine fünf Runden durch den Park, ziemlich genau 10 km und im Anschluß, außer der Reihe einen kleinen Umweg, der ihn zu ihrer Adresse führt.
In dem Mehrfamilienhaus sind fast alle Fenster beleuchtet. Feierabendzeit. Von der gegenüberliegenden Straßenseite sieht er an der Fassade hoch und überlegt hinter welchen Fenstern sie wohl wohnt, die Frau aus dem Park. Er quert die Straße und besieht sich die Klingelschilder.
Ein Glück, dass es in Deutschland immer noch Klingelschilder mit Namen gibt, nicht wie in anderen Ländern, wo das anonym ist.
Im dritten Stock, links also.
Er wechselt zurück auf die andere Straßenseite und sucht die entsprechenden Fenster, aber sie sind dunkel.
Sie ist nicht zuhause.
Während er so dasteht und zu ihren Fenstern hoch sieht, fragt er sich, ob das schon Stalking ist, was er hier macht und fühlt sich etwas unwohl bei der Vorstellung jemand würde ihm auf diese Weise hinterher schnüffeln.
Sie weiß ja nichts davon, sagt er sich und wenn man es philosophisch betrachtet, ist etwas das passiert ist, von dem niemand weiß, wirklich passiert? Im Sinne von „esse est percipi“, erst durch die Wahrnehmung entsteht das Sein.
Rasch entfernt er sich, nicht das sie plötzlich um die Ecke kommt und ihn hier vor ihrem Haus entdeckt.
Die Handtasche Kap. 4 von Karl Weber
- Wie ist Dir das denn passiert? Wie kann man seine Handtasche auf einer Parkbank liegen lassen? –
Britta konnte sich das verblüffte Gesicht Miriams nur zu gut vorstellen. Beim Klassentreffen Anfang des Jahres hatten sie sich noch lustig gemacht über eine ehemalige Mitschülerin, von der es hieß, sie hätte ein paar Tausend Euro in einer Plastiktüte im Bus vergessen. Sie war nicht zum Klassentreffen gekommen, auch wenn sie das Geld angeblich über das Fundbüro zurückbekommen hatte.
- Ich erzähl’s Dir, sobald ich da bin. Der Bus kommt gerade an. -
Jetzt saß sie Miriam gegenüber, immerhin fast noch pünktlich. Sie schob ihr den Schwangerschaftstest über den Tisch und hatte immer noch keine Ahnung, wie sie Miriam (und sich) erklären sollte, was ihr da passiert war.
- Also?
- Also, es war so …
Und dann sprudelte die ganze unglaubliche Geschichte aus ihr heraus. Wie sie auf dem Weg zum Bus am Eingang zum Park eine Gruppe junger Leute sah, in Artistentrikots. Eine junge Frau
machte einen Handstand auf einem Stuhl, der von vieren aus der Gruppe getragen wurde. Die junge Frau jonglierte mit den Füßen Ringe, während die anderen sie weiter in den Park hineintrugen und ein
sechster ihr immer wieder neue Jonglierutensilien zuwarf. Wie sie neugierig ein Stück hinterherging und ganz vergaß, dass sie eigentlich noch vor ihrer Verabredung mit Miriam in der Stadt nach einem
passenden Rock zu ihren neuen Schuhen schauen wollte. Wie die Gruppe schließlich im Park an einer großen Wiese Halt machte. Wie sie ihr Telefon aus der Tasche nahm, um die Gruppe zu filmen. Wie die
Jongleuse mit großer Geste von ihrem Stuhl heruntersprang, alle sechs zu ihr kamen, sie hochhoben, sie schweben ließen … schweben … in vollkommener Eleganz … so leicht … so sicher … so …
- Ich weiß nicht mehr, wie lange das ging, sagte sie zu Miriam. Es war unfassbar schön. Als sie mich absetzten und ich die Augen öffnete, stand ich am Parkeingang und sah den Bus kommen, hüpfte hinein, ließ mich auf einen Sitz sinken und schwebte weiter. Dann wollte ich Dich anrufen und erst als ich zu wählen begann, merkte ich, dass ich das Telefon noch in der Hand hatte, die Tasche aber, die war weg.
Miriam sah es in Brittas Augen: sie schwebte immer noch. Und war zugleich noch tief betroffen, dass sie ihre Handtasche so leichtsinnig zurückgelassen hatte. Von dem Wichtigen, das Britta mit ihrer Handtasche zurückgelassen hatte, wusste Miriam noch nichts.
Es war schon dunkel, als Britta sich auf den Heimweg machte. Von der Haltestelle bis nach Hause waren es nur fünf Minuten. Als sie von der großen, lauten Zufahrtsstraße in ihre ruhige Wohnstraße bog, stand er plötzlich vor ihr, der Mann von der Parkbank.
Die Handtasche Kap. 5 von Sofie Weber
Im leichten Laufschritt entfernt er sich von dem Mehrfamilienhaus, vor dem er gerade eben noch gestanden hat, und läuft im einsetzenden Nieselregen die Straße entlang. Er hat fast das Straßenende erreicht, als plötzlich sie, die Frau aus dem Park, um die Ecke kommt.
Im Lichtkegel der Straßenlaterne treffen sie, wie Schauspieler im Scheinwerferlicht, aufeinander.
Verschwinden im schattenlosen Dunkel der Nacht oder so tun, als ob er sie nicht kennen würde, geht nicht mehr, denn ein kurzer Blick in ihr Gesicht hat genügt, um ihm zu zeigen, dass sie ihn erkannt hat.
Er fühlt sich ertappt, obwohl er nichts Unrechtes getan hat. Seine Zweifel von zuvor sind vergessen.
„Hoppla“ sagt er und bleibt bei ihr stehen, „sind Sie nicht die Frau aus dem Park von heute Nachmittag?
„Ja“ sagt sie. In ihren Augen sieht er das Erstauen, ihn hier anzutreffen und - Angst. Aber Angst wovor oder vor wem?
Etwa vor ihm?
Das lässt ihn sich unwohl fühlen und für einige Sekunden verstummen.
Er wartet, dass sie etwas sagt.
Tut sie aber nicht.
Sie steht nur da und sieht ihn an.
Ihm wird heiß, trotz der kühlen Regentropfen auf seinem Gesicht.
Er weiß, er muss jetzt etwas sagen.
„Ist schon ungewöhnlich, dass wir uns heute schon das zweite Mal treffen.
„Allerdings“ antwortet sie skeptisch, „verfolgen Sie mich etwa?“
Sie ist nicht erfreut, mich zu sehen, denkt er.
In seinem wärmsten Bariton entgegnet er: „Nein, wo denken Sie hin? Meine abendliche Joggingrunde führt durch den Park und die umliegenden Straßen. Ich wohne auf der anderen Seite des Parks.“
„Aha!“
Sie glaubt ihm nicht.
Egal, was er jetzt noch sagt, es würde alles schlimmer machen.
Rückzug ist angesagt.
„Also dann noch einen schönen Abend und immer schön auf die Handtasche aufpassen.“
Es sollte salopp klingen. Trabend entfernt er sich, angeschoben von ihrem mißtrauischen Blick in seinem Rücken. Erst nachdem er um die Ecke gebogen ist und ihrem Sichtfeld entkommen, bleibt er stehen und muss erstmal tief Luft holen.
Das war jetzt dumm gelaufen, grummelt er mit sich. Vielleicht hätte ich mich vorstellen sollen, dann wäre sie nicht so mißtrauisch gewesen.
Er sollte das bleiben lassen, das hinterher schnüffeln, aber es hat auch einen ungeahnten und belebenden Reiz, muss er sich eingestehen, und läuft in die Nacht.
Autor: Sofie Weber